Der Traum der Dichterin - die Sehnsucht der Annette von Droste-Hülshoff

Roman

Westphalen, 1818-1825. Seit ihrer Kindheit spürt Annette von Droste-Hülshoff in sich eine zweite Natur. Diese Doppelgängerin dichtet wild und unabhängig, ganz entgegen der Erwartungen ihrer Familie. Nur Male Hassenpflug, mit der sie zärtlich verbunden ist, ermutigt ihren eigenwilligen dichterischen Ausdruck.


Leseprobe

August forderte mich heraus: „Nette, mach ein nettes Gedicht!“ Und in meinem Kopf überschlugen sich die Reime. Es gab niemanden, der das so gut konnte wie ich. Der Spaß war zwiespältig für mich. Es reizte mich einerseits, zu beweisen, dass ich originell und flink meinen Kopf benutzen konnte, doch andererseits stillten die Ergebnisse weder mein Form- noch mein Schönheitsgefühl. Ich wollte andere Zeilen verfassen, andere Inhalte ergreifen. Alle lachten, und ich stand mit heißen Wangen mitten im Zimmer, hatte gerade einen weiteren Spruch zum Besten gegeben, da bemerkte ich meine Doppelgängerin am Rande des Gesichtsfeldes. Als ich den Kopf drehte, versteckte sie sich hinter einer Samtgardine, ich sah den Stoff aufbauschen, erblickte einen Schimmer ihres Kleides hinter dem Klavier. Zuletzt hörte ich die Tür leise knarzen, durch die sie verschwand.
Später, im Bett, glaubte ich, bei jedem Windhauch ihren Atem zu hören. Ich lauschte mit angespannter Ungeduld. „Wo bist du?“, flüsterte ich. Ein Streifen Mondlicht an den Bettvorhängen täuschte helles Haar vor. Ich hielt die Augen offen, bis sie brannten, und merkte nicht, wann ich einnickte, weil die Doppelgängerin durch meine Träume tanzte wie ein Nebelfräulein. „Wach auf!“ Ich schreckte hoch. Ja, sie erwartete mich. Längst schliefen alle im Schloss. Ich tapste durch die vom Mondlicht erhellte Stube, setzte mich an den kleinen Tisch und öffnete das Tintenfass, noch bevor ich eine Kerze entzündet hatte. Bei flackerndem Schein flog meine Feder über das Papier, erst zögernd, aber dann immer schneller. Es war nicht der Verstand, der mir diktierte, weder das Versmaß wurde mir bewusst, noch plante ich einen Inhalt; dennoch blieb mein Geist klar, ich verfiel in keinen Traumzustand oder in Visionen, ich schrieb, das war alles. Nein, ich schrieb nicht - die Doppelgängerin in mir schrieb.

Hintergrundinformationen

Sie hatte eine Sauklaue. Ihre Familie beschwerte sich, dass man ihre winzig kleine Schrift kaum entziffern konnte. Und sie hat die Briefblätter bis an den Rand beschrieben, dann noch die Ränder ringsum mit Grüßen bestückt. Nur ihre Schwester Jenny konnte ihre Entwürfe abschreiben. Ich bin froh, dass ich sie nicht im Original lesen musste.

 
Lesen Sie selbst:

 

5.3.1813 Annette von Droste-Hülshoff ist 16 Jahre alt und schreibt an dem Theaterstück: Berta oder die Alpen.
"Nette schreibt an einem Trauerspiel aus meinem Tintenfass, und jetzt ist nur noch der Bodensatz darin; ich muss Wasser zugießen." Tagebucheintrag Jenny von Droste-Hülshoff (Schwester).

 

Cordelia sagt zu Berta:

Zu männlich ist dein Geist, strebt viel zu hoch
hinauf, wo dir kein Weiberauge folgt;
Das ist's, was dir ängstlich den Busen engt
und dir die jugendliche Wange bleicht.
Wenn Weiber über ihre Sphären steigen,
Entfliehen sie ihrem eignen bessern Selbst;
Sie möchten aufwärts sich zur Sonne schwingen
und mit dem Aar durch duft´ge Wolken dringen
und stehn allein im nebelichten Tal.
Wenn Weiber wollen sich mit Männern messen,
so sind sie Zwitter und nicht Weiber mehr.
Zwar bist du, Berta, klüger viel wie ich,
Denkst tiefer vie, bist älter auch an Jahren,
Doch glaube diese Mal nur meinen Worten.
(aus Berta oder die Alpen)

 

* Aar ist ein altes Wort für Adler

 

Und diese biografischen Notizen haben meine Fantasie beflügelt:

 

Wilhelm Grimm an seinen Bruder:
"... es ist schade, dass sie etwas Vordringliches und Unangenehmes in ihrem Wesen hat; es war nicht gut mit ihr fertig werden ... Sie wollte beständig brillieren und kam von einem ins andere ..."

 

Annette an ihre Tante: "... Grimm sage, es thäte mir herzliche leid, daß er seine Namensveränderung oder Verdrehung so übel genommen hätte, und da es ihm, so sehr mißfiele, so wollte ich ihn in Zukunft nicht mehr Unwille oder Unmuth nennen ..."

 

Wilhelms Traum: "Von Fräulein Nette hat mirs neulich wunderbarlich und ängstlich geträumt: sie war ganz in dunkle Purpurflamme gekleidet und zog sich einzelne Haare aus und warf sie in die Luft nach mir; sie verwandelten sich in Pfeile und hätten mich leicht blind machen können ..."


              Wilhelm Grimm

Wer mit wem?

Aus meiner Lesung.

"...ein prächtiges Ding..."

ein interessanter Artikel von Susanne Wosnitzka, freischaffende Musikwissenschaftlerin, über Annette von Droste-Hülshoffs Musikalität:

"Spielen und Singen konnte sie gut  zeitlebens wurde ihre Stimme mit der einer Angelica Catalani (1780-1849) verglichen, einer der damals berühmtesten Sängerinnen Europas. Außerdem war Annette eine der ersten Frauen bzw. überhaupt einer der ersten Menschen, der sich mit Musik des späten Mittelalters beschäftigte: so bearbeitete sie z.B. die Melodien des sog. Lochamer Liederbuchs (~1460) und schuf insgesamt vier Libretti zu Opern (fragmentarisch erhalten bzw. unvollendet). Lesen Sie mehr dazu auf ihrer Seite.