Mein lesbisches Auge 15

Kurzgeschichte:


Was die Welt im Inneren zusammenhält

 

Ständig spuken sie noch herum, meine Ex-en. Ich werde sie einfach nicht los. Da denkt man, man hätte damit abgeschlossen, es sauber beendet, doch die Geister der Vergangenheit plagen mich. Fast scheint es, als hätten sie Spaß daran, sich hartnäckig in meinem Leben festzusetzen und es mir gründlich zu verderben! Ohne sie soll ich keinen Spaß mehr haben. Sie erinnern mich auf Schritt und Tritt daran, dass sie einmal zu mir gehörten. Mein Exoberschenkelmuskel zum Beispiel.

Es war doch klar, dass ich mich von ihm verabschieden musste, als ich den Profifussball aufgab. Und was macht er? Er lässt mich schlaff aussehen! Ich spüre beim Eincremen seinen Hohn.

„Das waren noch Zeiten, da hattest du Muskeln“, sagt er und macht sich besonders teigig. Es reicht doch, dass ich einsehen musste, dass die Kondition mich verlassen hat. Es ist schwer zu verkraften.

Die Ex-Kondition hinterließ mir ein Japsen und Keuchen, das mich immer daran erinnern sollte, dass ich früher problemlos mit ihr die doppelten Trainingseinheiten überstand. Ohne sie war ich nichts! Nichts! Ich konnte einpacken. Meine Karriere aufgeben.

Sie wollen wissen, warum sie gegangen ist? Also, das war wirklich eine blöde Geschichte, ich konnte absolut nichts dafür. Seit meinem sechsten Lebensjahr trainierte ich. Ließ mich jeden Tag auf dem Platz herumscheuchen, egal welches Wetter herrschte, egal, ob die anderen Mädchen sich zum Spielen trafen, ich machte den Ball zu meinem besten Freund. Ich war das Ballwunder und wurde gefördert. Damals waren sie noch alle meine Freunde, die Kondition wuchs mit mir, die Muskeln prall und ausdauernd, ich konnte mich auf sie verlassen, ebenso meine Wendigkeit. Das machte mir keine nach, die anderen Mitspielerinnen sahen aus wie Kasperlpuppen, wenn ich vorbeisauste und ihnen den Ball abnahm, bevor sie mich überhaupt gesehen hatten. Ich war überall, ich rannte wie ein Wiesel, war wendig wie ein Feldhase und gleichzeitig hatte ich Habichtaugen. Ich sah wie im Gleitflug über dem Platz, welche Formationen die Gegnerinnen bildeten und dirigierte meine Mitspielerinnen rechtzeitig so, dass wir im Vorteil waren. Die Begeisterung am Spielfeldrand war mir sicher, ich war die Königin auf dem Platz. Unangefochten. Jahrelang. Und der Erfolg kam mit mir. Ich wurde in die USA gerufen. Dort hat Frauenfußball ein viel höheres Ansehen als in Deutschland. Meine Oberschenkelmuskel wuchsen gleich um ein paar Zentimeter, als ich aus dem Flugzeug stieg. Die Kondition brauchte ein bisschen länger bis sie nachkam, aber als sie dann da war, war ich unschlagbar. Wie gesagt. Bis ich den Fehler machte und wieder zurückkehrte. Nach Deutschland. Ich wusste nicht, dass das Land der Dichter und Denker mein Leben verändern würde. Die Amis sind die Macher und Gewinner, dort hätte ich bleiben sollen, dann hätten sie mich nicht verlassen!

Ich fand ein Team vor, das sich verändert hatte, die Mädchen waren ausgetauscht worden. Klar, die Frauen veränderten sich, bekamen Kinder und gingen einem Job nach, der Geld einbrachte. Sie spielten dann in kleineren Vereinen weiter, trösteten sich damit, dass es ja trotzdem Spass mache – für mich war das kein Fussball mehr. Kicken, so können sie es meinetwegen nennen.

Was soll das Gerede, von Frauenfussball könne man nicht leben? Wie sollen wir je die gleiche Anerkennung in der Welt erreichen, wenn wir nicht dranbleiben? Das Geld kommt dann schon nach, dachte ich mir. Außerdem kann man sich auf Geld als Partner nicht verlassen. Es ist wirklich zu unbeständig. Es fließt immer den einfacheren Weg. Und springt schnell mal in einen hübschen Geldbeutel, der ihm zuwinkt. Treue kann man von so etwas wie Geld nicht erwarten.

Ich verließ mich also auf meine Oberschenkel und meine Kondition.

Die neue Mannschaft bestand aus frischen Mädels, fit und ehrgeizig. Ich fand mich schnell zurecht und bekam wieder die Position der Platzkönigin. Meine Erfahrung war alt und treu, sie stand mir zur Seite. Außerdem eilte mir mein Ruf voraus. Auf ihn konnte ich mich verlassen. Die Mädels waren schon eingeschüchtert, bevor ich noch die Strümpfe hochgezogen hatte. Es war ein leichtes Spiel mit ihnen.

Ich überlege immer noch, was die Wende einläutete. Welche Anzeichen übersah ich?

Eines Nachmittags lief ich locker über den Platz, mein Verhältnis zu Oberschenkel und Kondition war im Gleichgewicht und von einer Stärke wie nie zuvor. Ich roch die Frühlingsluft, hörte Vögelzwitschern und genoss die Sonne in meinem Gesicht. Mein Herz war voll Glück und ich flog mit einer Leichtigkeit über den Rasen, zog meine Bahnen und lief mich warm. Ich dehnte mich ein wenig, doch damit gab ich mich nicht so viel ab. Elastizität war uninteressant für mich, schließlich wollte ich keine Ballerina werden. Dennoch musste ich mich mit ihr gutstellen, wollte ich nicht, dass sie mir eine Zerrung verpasste.

Ich setzt mich also auf den Boden und versuchte meine Schuhspritzen zu packen, ächzte ein bisschen, aber nicht zu laut. Da fiel mein Blick auf ein paar nackte Füße.

Die Zehen spielten miteinander und brachten mich aus dem Takt. Ich sah an den Waden hoch. Lächerlich! Kein einziger Muskel war zu sehen. Das war keine Sportlerin.

Ich frage mich noch heute, was mich davon ablenkte, meine Dehnungsübungen weiterzumachen, mich wieder darauf zu konzentrieren, meine Strecker zu malträtieren. Ich kann nur beschämt zugeben, dass ich die Knie ansah und den hellen Rock, der sich darüber spannte.

Dann kam ein Schrei vom Trainer und ich rannte auf den Platz. Der Anpfiff und der Kampf begann. Ich war nicht bei der Sache. Immer wieder sah ich die Zehen vor mir und verpasste meinen Einsatz. Überblick übers Spiel hatte ich keinen mehr. Das erste Tor fiel. Das zweite und das dritte. Es war unser Tor, wo der Ball landete und meine Mannschaft fluchte und schubste mich. Der Trainer schrie sich die Kehle aus dem Leib und ich bekam von der Torfrau eine Schlag auf den Hinterkopf. Ich musste wohl etwas vermasselt haben.

Das Ende läutete ein Foul ein. Es geschah in der fünfundachtzigsten Minute. Ich fiel direkt vor ihre Füße.

Die Wange im Gras sah ich, wie sie die Beine übereinander schlug und mit dem Fuß wippte. Ich wurde von den auf und abschwingenden Zehen hypnotisiert, wie von einer Boakonstriktor. Ja, so muss es gewesen sein. Ich wurde willenlos. Zumindest disziplinlos. Ich stand auf und ging wie in Trance zu der Frau, die auf der Reservebank saß und etwas tat, das ich vergessen hatte. Nein, es war etwas, das ich nie getan hatte, außer unter Zwang: Sie las ein Buch! Niemand, wirklich niemand las im Umkreis von einem Kilometer um den Fußballplatz herum, tat sowas.

Ich setzte mich neben sie und starrte das Buch an. Ich habe ihr Gesicht erst viel später registriert. Ich weiß nicht, ob das der Moment war, in dem sich mein Oberschenkelmuskel innerlich zu verabschieden begann. Ich vermute es. So ist es ja oft: man kann erst im Nachhinein rekonstruieren, was wohl geschehen sein mag. In dem Moment in dem es passiert, da ist man mit seiner Aufmerksamkeit woanders, lässt sich treiben, hineinfallen in ein neues Gefühl, in ein Erlebnis, das man nicht kennt und das aus gutem Grund deswegen Abenteuer heißt.

Das Buch hieß „Faust. Der Tragödie erster Teil.“

Ich beugte mich über die Seite, die sie aufgeschlagen hatte und las: „... was die Welt im Inneren zusammenhält.“

Und da verließ mich die Kondition. Ich bin mir sicher. Denn ich begann zu grübeln, sah über den Platz und beobachtete die Mädels. Sie sahen aus, wie Hühner, die planlos hin und her liefen. Jemand sollte ihnen die Strategie in Erinnerung rufen. Aber ich hockte da, verlassen vom Oberschenkelmuskel, der wohl einen Schwächeanfall hatte. Mein Herz klopfte, als sei es nie trainiert worden und ich spürte eine Intensität im Kopf, die ich zuvor nie erlebt hatte. Ich fühlte mich blöd und unwissend. Was hielt die Welt im innersten zusammen? Der Rasen? Das Spiel? Der Trainer? Der Ball?

Ich schüttelte den Kopf, sah auf die Schürfwunde auf meinem Ellenbogen und rieb über meine Wange. Erde bröselte ab.

„Du bist raus!“, schrie der Trainer.

Das brauchte er mir nicht sagen, ich wusste es bereits. Ich wusste auch, dass mich die Mädels zerfetzen würden, wie die Löwen in der römischen Arena. Ein schneller Blick auf die Uhr. Ich hatte noch genau eine Minute. Also fasste ich mir ein Herz und sagte:

„Find ich voll interessant, was du da liest. Ich kenne ein nettes Café, da ist es viel ruhiger. Hast du Lust?“