Zu meiner Verteidigung

Alle, die schreiben, wissen, dass die Figuren eines Romans ein unheimliches Eigenleben entwickeln können.

 

Mir passiert das auch ständig und als mich Sunita, die Marketing-Fachfrau vom Konkursbuch-Verlag, fragte, ob ich etwas über meine Krimis erzählen möchte, hatte ich zunächst keine Idee.
Aber dann meldeten sich überraschenderweise ein paar meiner Akteure aus meinen beiden Krimis zu Wort. Sie wollten MICH interviewen.

 

Johanna Schach, Kommissarin (blond, sommersprossig, kurzes Haar und gut trainiert), verschränkt die Arme, lehnt sich im Sessel zurück und schaut mich skeptisch an: „Wieso schreibst du überhaupt Krimis? Du liest keine, du schaust niemals Tatort, also wieso plötzlich dieser Eifer in meinem Fachgebiet?“

 

Ich: „Ich wollte einen schreiben, der anders ist. Der Bösewicht sollte nicht einfach nur böse oder ein Psychopath sein, stattdessen wollte ich zeigen, dass jeder Mensch an bestimmten Punkten seines Lebens Entscheidungen trifft, für die er selbst verantwortlich ist.“

 

Hans Augenstein, Psychiater (kahlköpfig, drahtig, tot, aus „Mutterschuld“), kratzt sich die schorfige Wunde an seiner Schläfe. „Mit Bösewicht meinen Sie wohl mich? Ich finde das ziemlich ungerecht. Schließlich hatte ich eine schwere Kindheit!“

 

Ich: „Das ist wohl wahr, aber als Psychiater müssten Sie wissen, dass es wichtig ist, sich seinen dunklen Seiten zu stellen, da sie ansonsten ein Eigenleben führen. Bei Ihnen hatte das fatale Folgen.“

 

Carolin Baittinger, Psychologin (jung, dynamisch, Johannas Freundin), zupft sich die bunte Bluse zurecht und sitzt aufrecht im Sessel. „Ich bin ja die Hauptperson und die Fälle, die ich lösen muss, weil meine liebe Freundin teilweise ganz schön überfordert ist ...“

 

Johanna springt empört auf. „Verdammt! Was heißt hier überfordert? Dieser Psychoquatsch nimmt manchmal ganz schön überhand!“

 

Carolin legt ihr die Hand auf den Arm. „Ohne dich hätte ich es natürlich niemals geschafft. Also, was ich sagen wollte, die Fälle sind richtig spannend, im normalen Leben geht es wohl eher nicht so zu. Besonders die Methoden, die ich anwende, die sind schon ... erfunden, oder?“

 

Ich: „Nein, die Methoden gibt es, nur habe ich dir ermöglicht, ein wenig mehr zu tun, als man es als Psychologin tun darf. Ungern hast du es ja nicht getan, besonders, da dir manche Patienten ordentlich unter die Haut gegangen sind.“

 

Carolin errötet und Johanna schnaubt laut.

 

Frieda, Fotografin (kurzes Haar, androgyner Typ aus „Sterben in Schwarzweiß“) hockt sich auf Johannes Sessellehne. „Ich weiß nicht, was im ersten Band mit diesem alten Sack passiert ist (Augenstein rümpft die Nase), aber Alex hat schon eine ziemlich umwerfende Ausstrahlung, das muss man ihr lassen. Wieso musstest du sie eigentlich zu uns schicken? Meiner Schwester und mir ging es gut, bis sie auftauchte.“

 

Ich: „Naja, das Projekt „Engel“, das ihr ins Leben gerufen habt, ist auf seinem Höhepunkt und damit an seinem Ende angekommen. Es brauchte frischen Wind.“

 

Johanna zu Carolin: „Auf diesen frischen Wind hätte ich verzichten können. Musstest du diesen Fall annehmen?“

 

Carolin beachtet sie nicht, sondern starrt fasziniert zu Frieda. „Irgendwie seht ihr euch ähnlich.“

 

Ein Tumult bricht los. Die drei Frauen streiten sich und werfen mir vor, dass ich sie in eine unmögliche Situation gebracht habe. Der Professor will, dass ich eine Szene umschreibe, schließlich hat er Walter sehr geliebt und er konnte wegen mir ja nicht anders ...

 

Schnell schließe ich das Word-Dokument!

 

Es ist doch wichtig, dass ich als Autorin die Geschichte im Griff behalte.

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